André Campra, Rigaudon

Vertraut den neuen Wegen 1. Fassung

* Andacht zum Sonntag Exaudi, 24. Mai *

Liebe Gemeinde,

Haben Sie schon einmal den "Point of no return" überschritten?

Wer einmal Paragliding gemacht hat, der kennt diesen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, an dem man den festen Boden unter den Füßen hinter sich lässt und sich einfach fallen lassen und darauf vertrauen muss, dass der Wind einen trägt.

Der Sonntag Exaudi ist im Osterfestkreis zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ein solcher ‚Point of no return‘, der Punkt, an dem die Jünger nach den biblischen Erzählungen das Alte hinter sich lassen mussten, um von dem Neuen, von Gottes Geist, getragen zu werden.
Drei Jahre waren sie mit Jesus unterwegs. Sie hatten ihn reden gehört, hatten sehen dürfen, wie Jesu Wirken Menschen veränderte und wie er ihnen Gottes Reich ganz nahegebracht hatte. 
Nach Jesu gewaltsamen Tod am Kreuz hatten sie in ihrer Trauer und Angst erleben dürfen, dass Gott selbst dem Tod die Macht nehmen kann. Vierzig Tage durften sie den Auferstandenen an ihrer Seite erleben, durften begreifen, was Auferstehung für sie bedeutet, aber dann mussten sie Jesus – wie es in der Himmelfahrtsandacht hieß – ‚in Liebe loslassen‘ und sahen, wir er in den Himmel aufgefahren ist:
Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen (Apg 1,8)
– mit diesen Worten hatte Jesus die Jünger zurückgelassen, und sie ahnten, sie wussten, dass es für sie kein Zurück mehr geben wird – weder in den Alltag, den sie einst gelebt hatten, bevor sie Jesus kennengelernt hatten, noch in den Alltag mit ihrem Lehrer und Freund Jesus an der Seite.
Sie ahnten, dass sie nach vorne schauen und ins Ungewisse gehen müssen, getragen von dem Vertrauen – wie eben ein Gleitflieger am ‚Point of no return‘ – dass Gott ihnen seinen Geist schenken wird, der Kraft und Mut zum Leben und zum Handeln gibt.

Die biblischen Texte, die für den heutigen Sonntag ausgewählt sind, beschreiben genau dies und erzählen davon, wie Menschen, die an solchen Punkten angelangt sind, an denen es kein Zurück gibt, sich voll vertrauen auf Gott einlassen können.

So verheißt Gott in dem für heute vorgeschlagenen Predigttext aus dem Buch des Propheten Jeremia (Jer 31, 31-34)
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Jeremia war wohl einer der kritischsten Propheten des Alten Testamentes.
Mitten im 7. vorchristlichen Jahrhundert geboren, erlebte er den Untergang Assurs und das Aufsteigen Babylons, zwei Großmächte, die mit brutaler Waffengewalt und unnachgiebig die umliegenden Völker unterwarfen.

Jeremia beobachtete sehr kritisch, wie das kleine Volk Israel in diesem außenpolitischen Machtkampf versuchte, mitzumischen, teilzuhaben an dem Ruhm, der Macht und dem Geld der Großen.
Er litt daran, zu sehen, wie in diesem Kampf immer mehr die Werte, der Glaube, die eigentliche Stärke des Volkes verloren gingen. Und so mahnte er unablässig zum Glauben. Er erinnerte daran, dass in der Erwählung Israels durch Gott ein Anspruch liegt, in dem es nicht um Ruhm und Geld, sondern und Frieden und Gerechtigkeit geht.
Und so prangert Jeremia die sozialen Ungerechtigkeiten an und warnt davor, dass Gott sich durchaus auch von seinem Volk abwenden kann, dass Gott sehr wohl seinen verheißenen Segen wieder entziehen kann. Und so verheißt Jeremia nichts Gutes, und das, was er immer wieder androht, tritt schließlich in aller Härte auch ein.

Zunächst geht das weltoffenere Nordreich Israel unter und schließlich auch das Südreich Juda, Jerusalem und der Tempel werden zerstört und weite Teile der Bevölkerung werden deportiert – einschließlich seiner Person.

Für viele Jahre verstummt seine mahnende Stimme, bis er schließlich im Exil versöhnlichere Worte im Namen Gottes aussprechen kann: 31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, … Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.

Paradiesische Zustände sind es, die Gott durch den Propheten verheißen lässt.
Es sind aber keine Träumereien, die Jeremia ausspricht. Denn er weiß, dass Israel an seinem ‚Point of no return‘ ist, dass weder die Exilierten noch die, die im zerstörten Land geblieben sind, zurück zum Alltagsgeschäft finden können, aber er vertraut darauf, dass Gott etwas Neues schaffen kann und wird.

Über Generationen haben Christen den Text Jeremias, der lange vor Jesu Geburt geschrieben wurde, für sich beansprucht: Durch Jesus Christus habe Gott mit uns Christen diesen neuen Bund geschlossen.
Diese Einstellung hat viel Leid über die Menschen jüdischen Glaubens gebracht. Aber wenn wir ehrlich sind, dann ist es mitnichten so, dass wir Christen bereits Gottes Gebote in unserem Herzen tragen und auf Augenhöhe miteinander leben, einander akzeptieren, füreinander da sind und helfen.
Und doch glaube ich ganz bestimmt, dass wir Christen durch Jesu Leben und Sterben in diese alte Verheißung an das Volk Israel mit hineingenommen sind.
Wir dürfen die ersten Anzeichen für das Kommen des neuen Bundes in dem Menschen Jesus Christus erkennen, in seinem Leben, Sterben und in seiner Auferstehung.
Wir dürfen die Anzeichen spüren, wenn wir uns von seinem Geist ergreifen lassen, wenn wir versuchen in all unserer Unzulänglichkeit in seinem Geist zu leben und zu handeln.

Manchmal habe ich in diesen Tagen das Gefühl, dass wir an einem ‚Point of no return‘ stehen. „Ein Zurück zur Normalität wird es nicht geben“ – so hat es Außenminister Maas mit Blick auf den Sommerurlaub in diesem Jahr formuliert. Wie ein Zurück zur Normalität überhaupt aussehen kann, das ist offen.
Und so träume ich von einer neuen Normalität, in der weniger Egoismus und mehr Gemeinschaftssinn herrschen, in der weniger Profitgier sondern mehr Gerechtigkeit Raum hat, in der weniger Eitelkeiten sondern mehr Frieden möglich ist. Eine Normalität, in der wir Menschen erkennen und verstehen, dass wir ein Teil von Gottes guter Schöpfung sind, die es mit all seinen Geschöpfen zu bewahren gilt - mit all unserer Kraft und seinem Segen.

Lassen Sie uns den ‚Point of no return‘ überwinden und uns in diese neue Normalität fallen lassen, im Vertrauen, dass wir getragen werden von Gottes unermesslicher Liebe und seinem Geist.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag und bis wir uns wiedersehen, möge Gott Sie fest in seiner Hand halten.

Ihre Pfarrerin Karin Schwark

1. Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist,
weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt.
Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand,
sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land.

2. Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit!
Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.
Der uns in frühen Zeiten das Leben eingehaucht,
der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht.

3. Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.

Klaus Peter Hertzsch

Gemeindebüro

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Pfarrerin
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